Arbeite umsonst und sei dankbar!

„Wer eine Berufsausbildung beginnt,
der wird auch dafür bezahlt, und zwar von Anfang an.“ So könnte
ein spontaner Gedankengang von angehenden Azubis und deren Eltern
lauten. Es handelt sich schließlich um eine vermeintlich allgemein
anerkannte Selbstverständlichkeit: Auszubildende haben einen
rechtlichen und moralischen Anspruch auf Lohn für ihre Arbeit,
selbst wenn sie anfangs kaum mehr als einige Botengänge und einfache
Handgriffe verrichten können.

Gesetz und Moral sind in unserer
Gesellschaft jedoch äußerst flexible Faktoren, und so finden sich
auch im Ausbildungsbereich einige Hintertüren, über die private wie
staatliche Unternehmen auf praktisch kostenlose Arbeitskräfte
zugreifen können. Einige fachspezifische Schulformen – im
hauswirtschaftlichen, sozialen, wirtschaftlichen, technischen und
anderen Bereichen – dürfen nur angetreten werden, wenn zuvor ein
längeres Berufspraktikum im jeweiligen Fachbereich abgeschlossen
wurde. Dass die SchülerInnen für diese Praktika keinerlei Vergütung
erhalten, versteht sich für die Behörden offenbar von selbst. In
manchen Bundesländern ist eine freiwillige Vergütung durch die
Unternehmen sogar laut Schulordnung untersagt.

Zusätzlich scheint man noch etwas
„moralische Aufklärungsarbeit“ unter den SchülerInnen leisten
zu wollen, um sicherzustellen, dass jene nicht auf falsche Gedanken
im Bezug auf eine eventuelle Bezahlung kommen. So erfahren z.B. die
SchülerInnen der ,,Höheren Berufsfachschule Sozialassistenz“,
einer staatlichen Berufsschule in Rheinland- Pfalz, bei ihrer
Einschulung, dass sie ihren jeweiligen Praktikumsbetrieben dankbar
für die Ableistung des unentgeltlichen Praktikums sein dürfen, denn
jene würden das ganze kostenfrei ,,für sie“ durchführen. Die
SchülerInnen würden die Betriebe viel Zeit und Geld kosten.
Traurigerweise werden solche Frechheiten von der Schülerschaft in
der Regel bisher ohne nennenswerte Proteste hingenommen. Zur
Abschlussprüfung zugelassen wurden nur diejenigen SchülerInnen,
welche nach zwei Schuljahren 800 unentgeltliche Arbeitsstunden in
sozialen Einrichtungen vorweisen konnten.

Ein weiteres deutliches Beispiel aus
dem sozialen Bereich ist der Umgang mit SchülerInnen an den
saarländischen Fachoberschulen (FOS). In der Klassenstufe 11 dieses
Bildungsganges muss jeder Schüler drei Wochentage in einer
staatlichen oder privaten sozialen Einrichtung arbeiten. Während der
Ferien, wenn die Schulen geschlossen sind, wird auch während der
restlichen beiden Tage am Arbeitsplatz angetreten. Es handelt sich
hierbei beinahe um das gleiche Arbeit-Schule- Verhältnis wie bei
einem Auszubildenden im ersten Jahr. Nur mit dem Unterschied, dass
die SchülerInnen der FOS laut Schulordnung weder Anspruch auf
Vergütung noch auf Urlaub haben. Eine positive Bewertung des
Praktikumsbetriebes ist die Voraussetzung für die Versetzung in die
nächst höhere Klassenstufe – ein Abhängigkeitsverhältnis, das
Aufbegehren sehr erschwert.

Es ist jedoch nicht so, dass nur
staatliche Sozialeinrichtungen von den kostenlosen Arbeitskräften
profitieren. Das Unternehmen ,,Sparkasse“ wirbt z.B. auf einer
Internetseite aktiv um FOS-PraktikantInnen der Fachrichtung
,,Wirtschaft und Verwaltung“. Eine umfassende Bewerbung sowie die
Teilnahme an einem Auswahlverfahren sind hier Pflicht. Auch das
Angebot eines Entgeltes zur Dekkung der Fahrtkosten ändert kaum
etwas an der Tatsache, dass hier Schüler als bereitwillige, nahezu
kostenfreie Aushilfskräfte genutzt werden.

Der Abschluss dieser schulischen
Ausbildungen eröffnet oder verbessert, je nach Schulform, die
Möglichkeit einer Berufsausbildung in der entsprechenden
Fachrichtung, führt zum Erlangen der fachrichtungsgebundenen
Fachhochschulreife oder – bei entsprechendem Notenschnitt – auch
zur Chance, die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung zu erlangen.
Diese Mixtur aus Möglichkeiten hat zur Folge, dass sich in den
Bildungsgängen ein bunter Haufen mit völlig unterschiedlichen
Motivationen einfindet. Ein Teil dieser SchülerInnen hat überhaupt
kein Interesse an einer Berufsausbildung in dem jeweiligen
Fachbereich, da sie im Endeffekt nur das Abitur anstreben. Das
Praktikum hat also für diese SchülerInnen weder einen finanziellen
Wert, noch sammeln sie Erfahrungen für den späteren Berufsweg.

Das Problem der Schulpraktika ist weit
gefächert, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland und lässt
sich auf zahlreiche Fachrichtungen übertragen. Wichtig ist, dass die
Betroffenen sich informieren, selbst zu Wort melden, organisieren und
gemeinsam Konzepte entwickeln, wie man gegen diese Form der
Ausbeutung vorgehen kann.

Siegfried Blum

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