Kolumne Durruti

Über die aktuelle Finanzkrise kann mir niemand was erzählen.
Ich weiß Bescheid. In meiner Börse wird der Handel regelmäßig ausgesetzt, meist
in den letzten anderthalb Wochen des Monats. Und das, obwohl man mich schon vor
längerer Zeit verstaatlicht hat (Hartz IV). Aber gehen wir das Problem mal
historisch an:

Die Finanzkrise (lat.: magna caca pecunia) ist ein
gefährlicher Gesellschaftsvirus, der zum ersten Mal in der Spätantike
epidemisch wird, als nämlich Rom seine reiche Provinz Africa an die
völkerwandernden Vandalen verliert. Um den Staatshaushalt wieder auf Vordermann
zu bringen, privatisiert der Römer sofort was das Zeug hält, und muss daher,
als endlich alles zum Gegenschlag bereit ist, die nötigen Schiffe bei privaten
Reedern anmieten – maßlos überteuert, denn die Reeder mögen nicht recht an
diese Rückeroberungsaktie glauben. Effekt: Mehrere an Unterfinanzierung gescheiterte
Versuche. Staatsbankrott, den auch die Erfindung der Mehrwertsteuer (damals:
„Verkaufssteuer“ – nur 4%!) nicht aufhalten kann. Verfall aller Aktienwerte.
Untergang des schönen Reiches. Mittelalter. Grunz.

Die heutige Finanzkrise verläuft auf den ersten Blick
gegensätzlich: Die Vandalen wandern erst, seit man ihnen die Hypotheken
gekündigt hat, und es sind die privaten Banken, die pleite sind. Die
Staatsregierungen dagegen, die bis vor kurzem nicht mehr genug Bares hatten, um
Arbeitslosen ein Leben in Würde zu garantieren, finden plötzlich unter jedem
Ministersessel ein paar hundert vergessene Milliarden, die sie den Banken gerne
zur Verfügung stellen. Und wo die Römer privatisierten, wird heute
verstaatlicht. Man muss aber schon FOCUS-blöd sein, dass einem dazu das Wort
„Sozialismus“ einfällt. Der Sozialismus verstaatlicht idealerweise Besitz und
Gewinne, hier geht es um die Verstaatlichung von Schulden und Verlusten.
Dennoch überbieten sich die Finanzminister mit domina-strengen Mienen, um ihren
Wählern zu suggerieren, eine Bestrafung habe stattgefunden. Dabei erhalten die
zockenden Banker – abgesehen von ein paar Bauernopfern – jetzt quasi Zugriff
auf das komplette Staatsvermögen. Höchstens, dass nun dem Finanzroulette ein
paar neue Regularien aufgepfropft werden, die man aber mit Sicherheit irgendwie
aushebeln kann. Diesbezüglich kam kürzlich ein überaus weiser Kommentar aus
einer Ecke, die für weise Kommentare ungefähr so bekannt ist, wie Guantanamo
für Menschenrechte. Bei einer dieser Fernsehtalkrunden war es (Anne Illner oder
Maybrit Will – wer weiß das schon?), als ausgerechnet der ehemalige
BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel sinngemäß sprach: „Natürlich braucht es
Beschränkungen im globalen Finanzverkehr. Aber es ist doch nicht Aufgabe der
Banker, dafür zu sorgen, sondern Aufgabe des Staates. Aufgabe der Banker ist
es, dagegen zu kämpfen. Sie haben ihren Teil getan, der Staat hat versagt.“
Treffender kann man es nicht formulieren.

Was nun geschieht? Revolution? Ende des Kapitalismus? Wohl
kaum. Noch mal Hans-Olaf: „Dies ist eine Krise, keine Katastrophe.“
Schlimmstenfalls erschießen sich ein paar Aktionäre, es kommt zu Rezession und
Inflation, ein Haufen Arbeitsplätze geht verloren und die Arbeitslosen werden
sich nicht nur im Winter warm anziehen müssen. Schließlich haben Chemnitzer
Professoren kürzlich errechnet, dass sich auch von 132 Euro im Monat gut leben
lässt. Und gegenfinanzieren muss man ja irgendwie. Rom aber geht nicht an einem
Tag unter. Das dauerte auch damals noch gut fünfzig Jahre. Und Nutznießer waren
nicht die Vandalen, die nur ein paar blauäugige Nordafrikaner hinterlassen
haben, sondern die bis dahin vergleichsweise unauffälligen Franken.
Diesbezüglich fand ich es amüsant zu lesen, dass China seinen Bankern plötzlich
genau die Zockereien erlaubt, die unseren gerade verboten werden. Klar, wo
jetzt alles so billig zu haben ist…

Wie auch immer: Mir kann die Krise nichts anhaben. Ich bin
mit all meinem heimlich angesparten Flaschenpfand gleich zur nächsten
Autobahnraststätte getrampt und immer wieder durch die Kloschranke gegangen.
Jetzt hab ich 1.000 Wertbons zu je 50 Cent. Und wenn die Inflation kommt,
starte ich eine grandiose Schwarzmarktkarriere mit Namenstassen und
Wackeldackeln! Oder wie der Römer
sagt: Videant consules ne quid res publica detrimenti capiat.

Markus Liske

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