Ein klares Beispiel für die Propaganda der Tat

Interessierten BeobachterInnen der syndikalistischen
Bewegung dürfte nicht entgangen sein, dass sich die Confederación Nacional del
Trabajo (CNT) in Sevilla in den letzten Jahren recht umtriebig zeigte. Immer
wieder war von erfolgreich beendeten Konflikten zu hören. Auch die FAU bekam
einige Male die Gelegenheit, die Kämpfe der andalusischen GenossInnen zu
unterstützen, z.B. im Rahmen der Kampagne gegen die deutsche Supermarktkette
„Plus“ vor zwei Jahren oder zuletzt anlässlich des internationalen Aktionstages
gegen Starbucks. So mangelte es nicht an Gründen, sich die Entwicklung vor Ort
etwas genauer anzuschauen und ein Interview zu führen. Gesprächspartner waren
José Antonio, Organisationssekretär der Lokalföderation; Antonio Moragues jun.,
der die Verantwortung für die Kassen trägt, und Beltrán Roca Martinez, Autor der
Broschüre „Renaissance des Anarcho-Syndikalismus“(1) und Sekretär für
„Gewerkschaftliche Aktion“ der CNT Sevilla.

Wir wollen zuerst mit euch über die Entwicklung der CNT
hier in Sevilla in den letzten Jahren reden. Ihr seid eine Gewerkschaft, die
sehr schnell gewachsen ist. Erklärt uns doch mal, wie es dazu kommen konnte?

Sarry: Die Voraussetzung für das Wachstum war, dass
wir Selbstkritik geübt haben, dass wir nicht mehr abwarten wollten, bis
ArbeiterInnen zur Gewerkschaft kommen, sondern dass wir selbst ArbeiterInnen
aufsuchten. Im Fall des Konfliktes beim öffentlichen Reinigungsdienst von
Tomares(2) sind wir z.B. direkt zu ihnen gegangen, haben uns als CNT
vorgestellt und unsere Vorgehensweise erklärt. Die Streikenden hatten sich in
der Kathedrale  eingeschlossen und waren
in den Hungerstreik getreten. Der Hungerstreik war das erste Mittel, das sie in
diesem Arbeitskampf einsetzten. Wir sagten ihnen direkt, es wäre das Beste,
wenn sie aus der Kathedrale heraus kämen und sich der Gewerkschaft anschließen.
Wir erklärten unsere Vorstellungen von einem gut geführten Arbeitskampf. Ein
Teil der Arbeiter trat der CNT bei. Von da an waren wir direkt in den Konflikt
involviert und gewannen ihn. Auf diese Art und Weise wächst die CNT Sevilla.

Antonio: Ich denke, dass die CNT
Sevilla ein klares Beispiel für die Propaganda der Tat ist. Wir haben hier
einen hohen Level an Aktivismus erreicht. Wir haben keine ökonomischen Mittel,
um eine landesweite Kampagne loszutreten, in der wir unsere Ideen verbreiten
und unsere Funktionsweise erklären können. Die einzige Möglichkeit, unsere
Gewerkschaft bekannter zu machen, ist unser täglicher Kampf. Immer mehr Leute
bekommen mit, was passiert, wie z.B. bei dem Konflikt bei Casal (einem
Reisebusunternehmen), wo wir zur Demo gingen. Auf dieser war die Unión General
de Trabajadores (UGT), die den Streik ausgerufen hatte. Die Verantwortlichen
der UGT kamen auf die Demo, ließen ein Foto von sich machen und waren nach fünf
Minuten wieder verschwunden. Das war ihre ganze „Unterstützung“. Als die
ArbeiterInnen sahen, dass wir bis zum Ende blieben, als wir ihnen unsere
Kontaktadresse gaben, unsere Hilfe anboten und sie auf einer Versammlung
unterstützten, haben sich viele der CNT angeschlossen. Das war kein Zufall. Sie
haben gesehen, wie unsere Gewerkschaft funktioniert, und das hatte seine
Wirkung.

Sarry: Was die Beitritte angeht, sahen die
ArbeiterInnen, die früher kamen, die CNT als letzte Möglichkeit, nachdem sie
von den Comisiones Obreras (CC.OO), der Confederación General del Trabajo
(CGT), der UGT oder irgendeiner anderen reformistischen Gewerkschaft verarscht
worden waren. Erst dann kamen sie zur CNT. So war es bis vor ca. vier Jahren.
Dann erkannten immer mehr Menschen, dass die CNT in der Lage ist, mit Hilfe der
direkten Aktion ihre Ziele zu erreichen. Jetzt kommen ArbeiterInnen direkt zur
CNT, wenn sie entlassen, ihnen eine Strafe auferlegt oder ihre Gehälter nicht
ausgezahlt werden. Das ist einer unserer größten Erfolge.

Glaubt ihr, dass es in Sevilla Bedingungen gibt, die
sich von denen in anderen Orten unterscheiden?

Antonio: Absolut nicht. Weder in Spanien, noch in
Andalusien.

Sarry: Nein, wir haben lediglich gemerkt, dass sich
die Leute eine ernsthafte Organisation wünschen. Sie haben die Nase voll von den
Lügen und Manipulationen der anderen Organisationen. Du siehst, wenn du hier
her kommst, dass wir uns den Arsch aufreißen, dass wir gemeinsam für eine Sache
arbeiten. Wir denken, dass es eine Verantwortung ist, bei der CNT zu sein,
sowohl individuell als auch kollektiv. Du musst zeigen, dass du
AnarchosyndikalistIn bist, auch auf deiner Arbeit. Du sollst eine ernsthafte
und bodenständige Person sein und nicht schweigen angesichts der
Ungerechtigkeit. Auch in dieser Hinsicht befinden wir uns natürlich noch in
einem Lernprozess.

Beltrán: Wenn wir so weit sind, dass wir anfangen
über Kündigungen, über Betriebsgruppen, über die Arbeit der Leute zu reden –
ich rede von Leuten mit Familie, mit Hypotheken, mit vielen Problemen – kann
eine endlose und fruchtlose Diskussion über ein einfaches Plakat für diese oder
jene Kampagne nicht mehr der richtige Weg sein. Die Organisation verlangt, dass
alle ihre Verantwortung annehmen und erfüllen, denn sie muss handlungsfähig
sein, wenn es darauf ankommt. Wir sind es, die ihre Praxis verändert haben. Das
hat nicht mit den Bedingungen in Sevilla oder anderswo zu tun. Alle „Hippies“
sind weggegangen aus der CNT, weil sie diese Art von Organisation nicht
verstanden haben. Sie sind hier und dort, in ihren besetzten Häsuern, wir haben
sehr gute Beziehungen zu ihnen, aber in der CNT sind sie nicht mehr.

Warum organisieren sich Menschen heute in der CNT
Sevilla? Und welche Aufgaben übernehmen neue Mitglieder in der Organisation?

Sarry: Einige Leute kommen aus ideologischen Gründen
zur CNT. Aber die meisten GenossInnen sind wegen eines Arbeitskampfes gekommen.
Sie haben auf praktische Art und Weise gesehen, dass sich die Gewerkschaft um
sie kümmert. Viele lesen sich erst später, nach und nach, das Buch
„Anarcosindcalismo básico“(3) durch. Man muss weder Kropotkin, noch Malatesta,
noch Bakunin gelesen haben, sondern es ist meist die Propaganda der Tat, die
zählt. Die meisten AktivistInnen kamen dazu, weil sie einen Konflikt hatten,
von der CNT unterstützt wurden und gesehen haben, was wichtig ist und dass es
funktioniert und Spaß macht. Nun bringen sie sich auch in andere Kämpfe ein.
Bei den eher formellen Aufgaben, dem Papierkram, ist es allerdings noch
schwierig, denn hier ist viel Spezialwissen gefordert und dieses eignen sich noch
zu wenige an.

Wie bewertet ihr die Situation für den
Anarchosyndikalismus in Spanien generell? Gibt es auch in anderen spanischen
Städten erfolgreiche Syndikate der CNT?

Antonio: So wie wir lernen auch andere Syndikate. Und
das, was Sevilla angestoßen hat, übt auch Einfluss auf andere Föderationen aus.
In der Provinz Cádiz gibt es z.B. das Hafenarbeitersyndikat von Puerto Santa
María, das eine unglaubliche gewerkschaftliche Arbeit geleistet hat. Oder in
Lebrija, einer kleinen Stadt in der Nähe von Sevilla, wo die CNT bis vor kurzem
sieben Mitglieder hatte, sind es jetzt über achtzig. In dieser Stadt ist die
CNT die einzige gewerkschaftliche Kraft. Es handelt sich um eine sehr kleine
Stadt, wo sich alle kennen. Sie sagen, dass jeden Tag neue Leute eintreten.

Sarry: Sie haben einen Streik gegen den größten
Caciquen (A.d.Red.: Bonzen) von Lebrija gewonnen. Er besitzt eine Firma, die
Gips und Mörtel herstellt.

Antonio: Das ist auf diesem Sektor die wichtigste und
größte Firma in Andalusien und eine der größten in Europa. Es gab dort einen
Streik, den die CNT unterstützte, und sie gewann gegen die Person, die bis
dahin alles in der Stadt dominierte. Das hatte seine  Auswirkungen. Kurzum: Was wir hier machen,
passiert außerhalb von Sevilla auch, vielleicht in kleinerem Maßstab, aber nach
und nach geht es voran.

Es gab ja den weltweiten Aktionstag gegen Starbucks im
Juli, der u.a. von euch angestoßen wurde. Welche weiteren Möglichkeiten und
Perspektiven der Kooperation zwischen syndikalistischen Organisationen in einem
globalen Rahmen seht ihr momentan?

Sarry: Wir denken, dass viele der Kämpfe, die wir
hier führen, sich in globalen Strukturen bewegen. Bei einem Streik gegen eine
mächtige international agierende Firma muss auch die Form der Solidarität
international sein. Wie bei dem Konflikt in Tomares, wo der Gegner die Firma
Ferrovial war, die Projekte und Zweigstellen in Deutschland und Argentinien
hat. Der Konflikt wurde auch dank der internationalen Solidarität gewonnen. Es
ist sehr wichtig, eine wirkliche Koordination zwischen den
anarchosyndikalistischen Gewerkschaften dieser Welt zu organisieren. Momentan
sind wir viel zu sehr damit beschäftigt, uns gegenseitig zu kritisieren. Wir
müssen uns stattdessen koordinieren! Als wir vom Handelssyndikat der CNT Sevilla
den globalen Aktionstag organisierten, taten wir dies nicht nur, um eine
internationale Antwort auf den Angriff auf Mónica durch Starbucks zu geben,
sondern auch, um dem Genossen Cole aus Grand Rapids unsere Solidarität zukommen
zu lassen.(4) Wir haben den Eindruck, dass in der Internationalen ArbeiterInnen-Assoziation
(IAA) diese internationale Koordination nicht existiert. Es passiert einfach
nichts. Wir hielten es deshalb für sinnvoll, selbstständig zum Aktionstag
aufzurufen, mit einer langen Vorlaufzeit, um allen rechtzeitig Bescheid zu
geben. Für einen globalen Aktionstag ist es nicht notwendig, dass wir uns
gegenseitig Küsschen geben. Wir brauchen ein gemeinsames Konzept, einen
gemeinsamen Kampf zur Unterstützung aller ArbeiterInnen.

Und wo habt ihr aktuell Konflikte oder gerade Konflikte
beendet?

Sarry: Wo soll ich anfangen? (lacht)

Vielleicht bei einem Konflikt, den du für besonders
bedeutend hältst?

Sarry: Der wichtigste Kampf der m.E. gerade entsteht,
ist der, der von der Genossin Miriam aus dem Bürgermeisteramt von San Juan de
Aznalfarache getragen wird. Sie hat eine Betriebsgruppe gegründet und wird
deswegen gerade vom sozialistischen Bürgermeister angegriffen. Sie wollen sie
rausschmeißen, verweigern ihr ihren Lohn und haben ein Disziplinarverfahren
eingeleitet, um sie feuern zu können. Das alles passiert, weil sie direkt das
ganze Dorf mobilisiert hat, denn es wurde ein Bebauungsplan verabschiedet, der
einen Großteil des alten Dorfes vernichten würde, um profitable Wohnblöcke zu
bauen. Dies führte dazu, dass der Name der CNT dort momentan  allgegenwärtig ist. Einfache Leute aus dem
Dorf sehen, dass die CNT die Organisation ist, die sie unterstützt, und sie
bewundern unsere Vorgehensweise. Es gab dort Demonstrationen mit mehr als 500 TeilnehmerInnen,
die von der CNT organisiert wurden.

Was habt ihr als nächstes vor, wie geht es weiter?

Beltrán: Aktuell zwingt uns unser Wachstum dazu,
einige notwendige Entscheidungen zu treffen. Die erste ist, dass wir mehr
finanzielle Mittel benötigen. Gut, wir sind selbstverwaltet, aber eine  Organisation benötigt ab einer bestimmten
Größe eine Streikkasse, einen Rechtsanwalt, ein Lokal in einer bestimmten
Größe, und mit den Mitgliedsbeiträgen allein kommt man nicht hin. Deshalb
suchen wir nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten. Wir werden ein Experiment
durchführen und Kneipenkooperativen gründen. Warum Kneipen? Weil Kneipen sehr
viel Geld abwerfen und ArbeiterInnen, die Probleme haben, Arbeit zu finden,
dort welche bekommen. Außerdem sind Kneipen nicht nur in Spanien soziale Räume.
Es sind Orte, wo Leute reden, soziale Beziehungen eingehen und konspirieren. Es
gibt einen klassischen Autor der Politikwissenschaft, Robert Michels(5), der
sagt, dass die Revolutionen in den Kneipen gemacht wurden. Die politischen
Organisationen, die gesiegt haben, sind die, die es geschafft haben, die
Kneipen zu erobern. Das sieht man sehr gut an der baskischen Befreiungsbewegung
hier, die die Herriko Tabernas (Volkskneipen) hat. Sie sind ihre wichtigste
Finanzierungsquelle und der Ort des Kontaktes mit der Gesellschaft, wo sie
soziale Netzwerke aufbauen, um gegen das, was sie den „spanischen
Kolonialismus“ nennen, zu widerstehen. Eine ähnliche Sache werden wir in
Sevilla versuchen. Wenn es funktioniert, werden wir es an mehr Orten
verwirklichen können. Wenn nicht, werden wir uns einen anderen Weg suchen. Aber
weil wir keine absoluten Wahrheiten und Antworten für alles haben, werden wir
es probieren und machen und schauen was dabei heraus kommt.

Vielen Dank für das Interview.

 
 

Interview: Daniel Colm, Robert Ortmann; Übersetzung: Daniel Colm;
Redaktionelle Bearbeitung: Robert Ortmann.

 

Anmerkungen

  1. „Renaissance des Anarchosyndikalismus. Eine Untersuchung
    am Beispiel der CNT Sevilla“, erschienen im Januar 2007 beim Syndikat-A
    Medienvertrieb
    .
  2. Dieser Streik bei der Straßenreinigung von Tomares,
    einer kleinen Stadt in der Nähe von Sevilla, wurde äußerst verbissen geführt.
    Er endete am 28.7.2003 mit einem Sieg der ArbeiterInnen. Für die AktivistInnen
    der CNT in Sevilla stellt dieser Konflikt den Wendepunkt in ihrer jüngeren
    Geschichte dar.
  3. Das Buch
    „Anarcosindcalismo básico“ wird von der CNT herausgegeben. Es beschreibt in
    einfachen Worten die Ideen des Anarchosyndikalismus, die Funktionsweise der CNT
    und ihre Geschichte.
  4. Cole und Mónica
    wurden von Starbucks aufgrund ihrer gewerkschaftlichen Aktivitäten
    entlassen.  Ihre Gewerkschaften, die
    Industrial Workers of the World (IWW) und die CNT, riefen aus diesem Anlass für
    den 5.7.2008 zu einem weltweiten Aktionstag gegen die gewerkschaftsfeindliche
    Praxis bei Starbucks auf. Es beteiligten sich unzählige GewerkschafterInnen und
    soziale AktivistInnen in Lateinamerika, Nordamerika, Europa und Australien
    (ausführliches siehe Direkte Aktion Nr. 189).
  5. Michels war ein
    Mitbegründer der modernen Politikwissenschaft und wurde berühmt für seine
    Kritik der oligarchischen Tendenzen im Parteienwesen, was ihn in Konsequenz zum
    revolutionären Syndikalismus führte. Für viele unverständlich ist seine spätere
    Hinwendung zum italienischen Faschismus.

 

Fakten zur CNT
Sevilla

Die Lokalföderation Sevilla besteht aus fünf Syndikaten:


  • Allgemeines Syndikat
  • Handelssyndikat
  • Reinigungssyndikat
  • Transportsyndikat

  • Syndikat „Öffentliche Dienste“

Die Gründung eines sechsten Syndikates (Bildung) wird
vorbereitet.

In diesen Syndikaten organisieren sich ca. 500 Menschen in 35
Betriebsgruppen. Tendenz steigend.

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