Hosen runter!

holger.pngZum Geleit

Holger
Marcks (Redaktion Hintergrund) zur Zusammenstellung dieses Rückblicks

Zum Autor: Holger Marcks
(29) ist Journalist und Mitglied der FAU Berlin. Seit 2005 bei der DA in
wechselnden Ressorts (30 Ausgaben Dienstzeit). Lieblingsspeise:
Rollmöpse.

AnarchistInnen
von heute neigen bekanntlich dazu, sich konspirativ in staubigen
Hinterzimmern zu treffen, ihre Gesichter hinter schwarzem
Textilmaterial zu verbergen und in der Manier römischer
Schildkrötenformationen auf Demos aufzumarschieren. Wenn sie etwas
publizieren, verwenden sie gerne kryptische Kürzel als Autorennamen
oder verschwinden gar gänzlich im Schatten eines Anonyms. Von
Polizeistaat, Repression und Unheil ist dabei die Rede, ganz so, als
mache sich der Staat sehr große Sorgen über eine anstehende
anarchistische Erhebung. In Wirklichkeit ist das vor allem eines:
tierisch uncool und wenig anziehend, fast schon ein Garant, dass die
Bewegung übersichtlich und ungefährlich bleibt. Und es macht –
ganz im Gegenteil – eine Bewegung angreifbar, weil sie sich leicht
bloßstellen lässt und gängige Klischees bedient, und weil sich nun
mal in undurchsichtigen Strukturen leichter wüten lässt.

Anarchosyndikalismus
ist nichts, wofür man sich verstecken oder schämen müsste. Das
sollte auch in dieser Zeitung zum Ausdruck kommen. Die DA hat
deswegen vor geraumer Zeit beschlossen, mit derlei Schrullen
bestmöglich zu brechen. Schließlich sind wir ganz „normale“
Menschen – nun ja, fast zumindest. An kauzigem Verhalten und
sonderbaren Debatten hat es nicht gemangelt, wie ein Blick zurück
beweist. Aber da hat sich einiges geändert. Streitigkeiten um die
wortgenaue Auslegung imaginärer anarchistischer Bibeln und rigide
Gebote schwarz-roter Taliban kenn’ ich nur noch vom Hörensagen.
Ja, man soll angeblich – zwischen all dem bierernsten Gebaren –
auch hin und wieder einen Spaß verstehen. Ich hoffe es zumindest, wo
ich gerade diese Zeilen schreibe. Das Essen auf den FAU-Kongressen
bleibt freilich mies. Zumindest diese Konstante durchzieht noch die
Geschichte der FAU.

Trotz
der Normalisierung waren aber dennoch Wehklagen zu hören. Die FAU
wäre immer noch nicht richtig nahbar und die DA zu unpersönlich.
Unsere sagenhafte „Kolumne Durruti“ allein reicht da wohl nicht
aus. 200 Ausgaben DA sind ein guter Anlass, das zu ändern. Die
Hintergrund-Redaktion hat deshalb ausgewählte GenossInnen gebeten,
ihre ganz persönliche Sicht auf die DA darzulegen und Gesicht zu
zeigen. Bitte schön: Die DA lässt heute die Hosen runter.

 

folkert.pngRubbeln
und kleben

Folkert
Mohrhof
über die DA-Produktion in der Steinzeit

Zum Autor: Folkert Mohrhof (55) ist
Verlagskaufmann, und Buchhalter. 1977 Mitbegründer der DA. DA-Redakteur
von 1977-1979 und 1986-1991 (39 Ausgaben Dienstzeit). Bis 2008
Mitglied der FAU Hamburg, heute beim ASK Hamburg/VAB Altona.

Als
die DA-Redaktion bei unserer FAU-Gruppe in Hamburg lag – und das
war viele Jahre lang der Fall –, mussten wir noch ohne Handy, PC
und Internet auskommen. Heute kann sich ja keiner mehr vorstellen,
unter welchen lächerlichen Bedingungen wir die DA herstellten, die
damals noch monatlich erschien. Andererseits waren wir bis zu sechs
GenossInnen, die in wöchentlichen Sitzungen diskutierten, die
Artikel redigierten, sie „auf Spalte abtippten“ und das
Klebelayout der Seiten erledigten. Die Überschriften wurden noch mit
LetrasetKlebebuchstaben „gerubbelt“. Unser damals
jüngster Genosse fand sogar durch die so erworbenen Kenntnisse
nachher eine Anstellung bei der deutschsprachigen Zeitung in
Budapest.

Später
– ab 1984 hatte ich meinen ersten Computer – konnten wir die
Artikel besser abtippen und ohne große Probleme korrigieren. (Vorher
mussten wir einzelne Textbausteine herausschneiden, neu tippen und
wieder zusammenkleben.) Als dann die ersten Grafik- und
Layoutprogramme kamen, speicherte ich immer die fertige Datei auf
mehreren Disketten und brachte sie mit dem Wochenendticket nach
Göttingen. Dort druckte dann ein Genosse die DA aus bzw. belichtete
sie. Manchmal dauerte das zwei Tage, weil die verwendeten Programme
nicht immer identisch waren und sich der Seitenumbruch verschoben
hatte, da ich eine Schrift „einzubinden“ vergaß. Es war ein
großes Rumgemurkse in den Kindertagen des PC-Layouts.

Es kam
vor, dass ich erst Sonntag nachts zurückkam, um gleich am nächsten
Morgen vor der Arbeit die Druckvorlage in die Druckerei zu bringen.
Ein Genosse holte nach dem Druck die fertigen Zeitungen ab. Einen
Nachmittag lang packten wir dann die Pakete für den Wiederverkauf.
Schließlich mussten abends noch ca. weitere 500 Einzelabos in
Banderolen versandfertig gemacht und zur Post gebracht werden. Und
zwischendurch: Abo-Verwaltung, Buchhaltung, Abrechnungen für den
FAU-Kongress …

Heute
freue ich mich immer wieder, in alten DA-Ausgaben Artikel und
Kommentare zu finden, die ihre Aktualität nicht verloren bzw. den
Nagel auf den Kopf getroffen haben. Leider hat sich das für die FAU
nie ausgewirkt.

 

doerthe.pngMarkt
der Eitelkeiten

Dörthe
Steinicke über den Reifeprozess von DA und FAU

Zur Autorin: Dörthe Steinicke
(42) ist IT-Arbeiterin und Mitglied der FAU Frankfurt. Immer wieder mal
DA-Redakteurin zwischen 2000 und 2009 (ca. 18 Ausgaben Dienstzeit).
Springt gerne in die Bresche.

Jede
Organisation braucht einen gewissen Reifegrad, um sinnvoll zu
funktionieren. Die Art und Weise, wie eine anarchosyndikalistische
Organisation diesen Reifegrad erlangt, ist langwierig und stellt die
Beteiligten vor besondere Herausforderungen. Denn mangels
basisdemokratischer Tradition mussten wir im „Trial and
Error“-Verfahren unsere Ansprüche mit den kleinen und großen
Unzulänglichkeiten menschlichen Verhaltens abgleichen. Für die
RedakteurInnen der DA galt und gilt vermutlich bis heute: Geduld,
viel Geduld!

Es
erforderte eiserne Nerven, Redaktionsarbeit für eine Organisation zu
leisten, in der eine äußerst geteilte Meinung darüber herrschte,
ob es überhaupt Redaktionen geben soll oder ob deren Existenz nicht
schon das Prinzip des imperativen Mandates verletze und ob die
Publikation von einer Verselbstständigung bedroht sei. In diesem
Spannungsfeld bewegten sich die Redaktionen der DA, und sie sahen
sich bis noch vor wenigen Jahren mit entsprechenden Ansprüchen
seitens einiger FAU-Schreiberlinge konfrontiert. Der Kontakt zu ihnen
verlief manchmal genauso langwierig wie wortgeladen. Handelte es sich
bei den redaktionellen Korrekturen wirklich nur um Eingriffe, die der
besseren Lesbarkeit und der korrekten Grammatik dienten, oder etwa um
Veränderungen inhaltlicher Aussagen? Obliegt es der Redaktion, einen
zu langen Artikel zu kürzen, oder ist sie verpflichtet, einen
uninteressanten, jedoch von einem Syndikat vorgeschlagenen Artikel
abzudrucken?

Derartige
Fragen mussten in teilweise endlosen, natürlich nächtlichen
Telefonaten diskutiert werden. Eitelkeiten der AutorInnen, aber auch
Schrullen der Redaktionsmitglieder spielten dabei keine geringe
Rolle. Häufig stellte ich mir im Anschluss derartiger Diskussionen,
wo es gar um einzelne Worte ging, die Frage: steht der Aufwand im
Verhältnis zum Nutzen? Das Schöne ist: Meine Antwort hat sich mit
den Jahren geändert. Früher hätte ich sie klar mit Nein
beantwortet; nach 200 Ausgaben kann ich sagen, wir haben gelernt,
unsere Ansprüche mit dem Sinnvollen und Machbaren abzugleichen. Ja,
die DA ist gemeinsam mit der FAU professioneller geworden und hat
sich sowohl organisatorisch als auch inhaltlich gemausert.

 

geigerzaehler.pngDamals
in der Szene

Geigerzähler
über Müsli und Klassenkampf in der Subkultur

Zum Autor: Geigerzähler (31) ist
Musiker und Aktivist. Zwei Drittel Masse des Duos „Berlinska Droha“
und die kleinere Hälfte von „Atze Wellblech“. Mitglied der FAU
Berlin. Drückt sich ständig vor Beiträgen für die DA.

Als
ich noch jung und hübsch war, wohnte ich in einem (ex-)besetzten
Haus. Die BewohnerInnen waren eher punkig, politischen Aktionen aber
nicht abgeneigt. Im Nachbarhaus hatte sich eher die Hippiefraktion
einquartiert. Das Verhältnis zu denen war nicht immer entspannt. Wir
waren ihnen zu laut und sie uns zu müslihaft. Einige von ihnen
betrieben im Erdgeschoss gar einen Bioladen mit Food-Coop. Wir gingen
lieber zu Bolle klauen, solange bis Bolle zu Extra wurde und Extra
wegen Unwirtschaftlichkeit Lidl Platz machte.

Im
Bioladen klauten wir nicht. Konnten wir ja nicht bringen. Ich ging
trotzdem manchmal hinein, denn dort lag diese Zeitung, die mich
interessierte, und zwar in großen Stapeln. Ich vermute, es war die
Phase, wo die Auflage in einem Anfall von Größenwahn auf 10.000
erhöht werden sollte. Ich begann bald, den Stapel etwas zu
verkleinern, indem ich ein paar Exemplare in den umliegenden
Besetzerkneipen verteilte. Doch in der „Szene“ interessierte sich
niemand so richtig für Arbeitskämpfe. Nahm man Worte wie
„Klassenkampf“ oder „Gewerkschaft“ in den Mund, lief man
Gefahr, ausgelacht zu werden. Mich frustrierte das sehr, weil ich
gerade ein paar Scheißjobs hinter mir und parallel dazu diese dicke
Durruti-Biographie gelesen hatte. Die DA zeigte mir damals, dass ich
nicht gänzlich allein war und Arbeiteranarchismus sogar recht hübsch
gelayoutet sein konnte. Zugleich spiegelte sie auch die Schwäche der
Bewegung wieder. Einige Artikel waren schlicht unlesbar, andere
ließen die DA wirken wie ein Organ zur Wahrung glorreicher Historie
– ohne Bezug zum Hier und Jetzt.

Nach
15 Jahren hat sich einiges verändert. Heute darf ich in der „Szene“
von Klassenkämpfen reden, ohne ausgelacht zu werden, und die FAU ist
auf dem besten Weg von einer reinen Ideenorganisation zu einer
Gewerkschaft. Die DA hat, trotz mancher Qualitätsschwankungen, einen
großen Anteil daran. Allein die Tatsache, dass alle zwei Monate eine
Zeitung erscheint, die sich jenseits subkultureller
Selbstbezüglichkeit eines Gros der anarchistischen Szene am realen
kapitalistischen Alltag orientiert, ist nicht zu unterschätzen. Und
ich meine, die DA wird zusammen mit der FAU an den Arbeitskämpfen,
die sie begleitet, wachsen und gedeihen.

 

meyer.pngSonnenstrahl
durch die Gitterstäbe

Thomas
Meyer-Falk über die DA und Knastarbeit

Zum Autor: Thomas Meyer-Falk
(39) ist Gefangener in der JVA Bruchsal (1996 wegen Bankraubs
verurteilt). Schreibt gelegentlich für die DA. Gerade erschien sein
Buch „Nachrichten aus dem Strafvollzug“ im Blaulicht-Verlag.
Weitere Infos: www.freedom-for-thomas.de

Es mag
an die zehn Jahre her sein, dass die Justizvollzugsanstalt Bruchsal
ein Exemplar der DA als „vollzugsfeindlich“ einstufte und mir
vorenthielt. Auch wenn heute solche Eingriffe in die Presse- und
Meinungsfreiheit – zumindest in der JVA Bruchsal – die Ausnahme
sind, bedeutet dies nicht, dass sich die Situation hinter Gittern und
Mauern, wo die DA auch gerne gelesen wird, verbessert hätte.
Gefangene leiden unter den sich verschärfenden wirtschaftlichen
Verhältnissen ebenso wie ArbeiterInnen außerhalb der Knastmauern.
Sie müssen das letzte, was ihnen verblieben ist, ihre Arbeitskraft,
zu Bedingungen verkaufen, die ihnen die Justiz diktiert.

In
dieser Hinsicht ist die DA wie ein Sonnenstrahl, der durch die
Fenstergitter bricht: Sie bietet qualifizierte Information,
historische Rückblicke, eine politische Alternative zum etablierten
System und Anregungen, sich zur Wehr zu setzen. Bei allem
Enthusiasmus ist jedoch festzuhalten, dass die Bereitschaft, gegen
die Arbeitsbedingungen vorzugehen, noch unterentwickelt ist, mögen
die Lohnkürzungen, die den Gefangenen verordnet werden, auch noch so
radikal sein.

200
Ausgaben der DA haben gezeigt, wie wichtig es ist, den ArbeiterInnen
eine Stimme zu geben – auch denen, die im Gefängnis sitzen.
Gratulation an alle, die in den vielen Jahren die DA geschaffen und
erhalten haben. Für eine kraftvolle Alternative!

 

julia.pngAber
politisch korrekt, bitte!

Julia
Hohmann über weltbewegende Diskussionen in der DA-Redaktion

Zur Autorin: Julia Hohmann (29) ist
Studentin. und Mitglied der FAU Lich. 2004 bis 2005 BuG-Redakteurin für
die FAU Frankfurt (sechs Ausgaben Dienstzeit). Großstadtflüchtling,
bevorzugt die hessische Landluft.

Eine
Einigung unter Redaktionsmitgliedern ist grundsätzlich nicht
einfach. Aber schwierig und fast brenzlig wird es, wenn nicht nur auf
den Inhalt oder auf den richtigen Satzbau geachtet werden muss. Die
größten Diskussionen entstanden zu meiner Zeit bei der DA, wenn es
um die politisch korrekte Schreibweise ging. Nehmen wir als Beispiel
das Binnen-I:

Der
eingegangene Text wird vorgelesen. Aber Halt! Schon beim ersten Satz
kommt es zu einer Wortmeldung: Wieso steht dort „die
Gewerkschafter“, ohne eventuelle Frauen in der Gewerkschaftsgruppe
zu berücksichtigen? Eine große Diskussion kommt zustande. Buntes
Treiben entsteht – während mir ganz schwummrig vor den Augen wird.
Was geht hier vor sich? Die Köpfe der Anwesenden verfärben sich mal
von rot zu grün – von weiß zu dunkelrot. Schließlich großes
Aufatmen – wir einigen uns auf die gesegnete Endung „Innen“,
welches sämtliches aufgekommenes Adrenalin wieder zur Normalisierung
und alle RedakteurInnen wieder zur Beruhigung bringt.

Doch
der Artikel ist damit noch lange nicht zu Ende besprochen. Sämtliche
Passagen ohne Binnen-I werden auf einen gestellten Antrag hin
geändert. Beiläufig wird noch eine Debatte geführt, ob der „AutoR“
nicht auf Vorträge über politisch korrekte Schreibweisen
hingewiesen werden sollte. Dieser Punkt wird aber vertagt, da über
die Korrektheit der Antragsstellung erst noch einmal abgestimmt
werden muss.

Nach
zwei Stunden ist man/frau am Ende des Textes angekommen, wo der AutoR
ganz beiläufig erwähnt, alle Männer seien bei der geschilderten
Aktion festgenommen worden. Was!? Ein Aufschrei hallt durch den Raum.
Keiner sitzt mehr auf seinem Platz, wilde Gestikulationen wirbeln die
stickige Luft durcheinander und ein zarter Durchzug entsteht –
angenehm, kann ich nicht bestreiten. Doch die hervorquellenden Augen
hätten mir erspart bleiben können. Bevor es nun zu einer weiteren
heftigen Diskussion kommen kann, stellt ein/e MitgliedIn den Antrag,
den Text abzulehnen. Dieser wird einstimmig angenommen und man/frau
widmet sich dem nächsten Artikel.

 

hansi.pngProfessionalität,
igitt!

Hansi
Oostinga über den Neuaufbruch in der DA

Zum Autor: Hansi Oostinga
(38) ist Kinoarbeiter und Diplom-Politologe. Mitglied der FAU Berlin.
Mitglied der DA-Schlussredaktion von 2003 bis 2005 (12 Ausgaben
Dienstzeit). Beteiligt an der letzten DA-Blattreform. Friese
(trockener Humor und undiplomatischer Kritikstil).

Sommer
2003: Langsam wurde klar, dass der Hartz nicht nur ein deutsches
Mittelgebirge ist und dass Dosenpfand die innovative und ökologische
Einkommensquelle der Zukunft sein könnte. Demgegenüber stand eine
DA, die die besseren Zeiten hinter sich hatte. Wer beim FAU-Kongress
nicht rechtzeitig aufs Klo verschwand, bekam eine Funktion in der DA
aufgedrückt. Die verschiedenen Teilredaktionen funktionierten
dementsprechend auch eher als Briefkästen. Alle zwei Monate wurden
die angesammelten Artikel an das Layout geschickt, welches das Ganze
dann zusammenklatschte. Gute Artikel und Ausgaben mit weniger als 30
Fehlern pro Seite gab es auch zu dieser Zeit, aber eben nur als
Kollateraleffekt einer lustlosen Produktionsweise.

Einige
Berliner GenossInnen wollten dies ändern und übernahmen große
Teile der DA-Redaktion und -Produktion. Eine Schlussredaktion wurde
eingeführt, das Blatt mit neuen Rubriken aufgelockert, die einzelnen
Nummern wurden (wieder) in regelmäßigen Redaktionssitzungen
geplant, neue AutorInnen wurden gewonnen, eine Werbeoffensive
gestartet, mehrere Beilagen mit Auflagen von bis zu 100.000
Exemplaren produziert und einiges mehr.

Wir
wollten eine Zeitung, die wir wieder Lust hätten, selbst zu lesen –
und zu verkaufen. Tatsächlich verdoppelten sich die Abo-Zahlen und
die Aufmerksamkeit für die DA stieg – bis hin zur B.Z.,
die gegen das „Chaotenblatt“ wetterte. Aber Veränderungen führen
wie in jeder Organisation auch bei der FAU zu Widerständen. Berliner
Zentralismus, autoritäres Verhalten, Intransparenz und sogar
Professionalität (!) wurde uns wahlweise vorgeworfen. Auch aus
heutiger Sicht würde ich keinem dieser Vorwürfe zustimmen –
leider auch nicht letzterem –, sie kosteten uns aber die Hälfte
unserer Zeit. Aber es hat sich gelohnt. Die DA ist zu keinem
Zeitpunkt wieder auf das Niveau von davor abgesunken. Im Gegenteil,
sie entwickelt sich langsam aber stetig zu dem, was wir brauchen: zu
einer ernstzunehmenden kämpferischen Gewerkschaftszeitung.

 

roman.pngBayerischer
Eigensinn

Roman
Danyluk über eine kleine Schwester der DA und ungehobelte
Familienbande

Zum Autor: Roman Danyluk
(48) ist Transportarbeiter und Mitglied der FAU München und Redakteur der
DAM (erscheint ein bis zwei Mal im Jahr, Auflage: 1.000 Exemplare,
Umfang: acht Seiten; kostenlos). Autor von Büchern über die
Geschichte der FAU, der Ukraine und des bayerischen Tischtennissports
(letzteres nie veröffentlicht).

Kleine
Geschwister sind häufig trotzig, provozierend und
naiv-selbstbewusst, auch wenn ihnen noch die Rotze aus der Nase läuft
und sie – natürlich nur dem kleinen Wuchs geschuldet – zu den
Älteren aufschauen. „Mir san mir!“ hallt es denn auch der DA aus
der bayrischen Landeshauptstadt entgegen, wenn ich als Repräsentant
der Direkten Aktion München (DAM) und damit
als quengeliger Nachwuchs aufgefordert werde, mich zu unserer älteren
Schwester zu verhalten.

In
jungen Jahren geht der Nachwuchs oft eigene Wege. Die DAM zumindest
bildet sich ein, offensiver, direkter und agitatorischer als ihre
große abgeklärte Schwester zu sein. Es hat aus der DA-Redaktion
durchaus schon Stimmen gegeben, die den bayerischen „Sonderfall“
kritisch hinterfragten, besonders wenn sie merkten, dass für uns in
München das Lokalblatt eine höhere Priorität hat, als für die
bundesweite DA zu schreiben. Immerhin habe ich schon auf den Gängen
libertärer Veranstaltungsorte Geraune aufgeschnappt, die DAM sei „ja
besser als die DA“. Ob dabei Alkoholika im Spiel waren, konnte ich
nicht in Erfahrung bringen.

Mangelndes
Selbstbewusstsein kann uns wohl nicht nachgesagt werden, eher schon
ein typisch bayerischer Eigensinn, den die Menschen im hohen Norden,
im wilden Westen und im weiten Osten (bei uns alles mit dem Begriff
„Preußen“ zusammengefasst) nicht immer verstehen. Aber bei der
aktuellen Ausgabe der DAM ereilte uns doch noch der Sündenfall.
Nachdem bisher immer sehr diskret geklaut wurde, ist erstmals der
Artikel eines Berliner DA-Redakteurs ganz abgedruckt worden. Ein
erster Hinweis zur Fusion? Keine Sorge, der rotzfreche Balg geht
seinen Weg weiter, nimmt beleidigt brummelnd manchmal Hilfe in
Anspruch und hält sich trotzdem für unwiderstehlich. Schließlich
kam ja auch die Idee zu einem Buch über die Geschichte der FAU aus
der DAM-Redaktion, das dann folgerichtig von einem ihrer Mitglieder
geschrieben wurde.

Als
neurotischer „Jubiläumsautor“ gratuliere ich der DA und wünsche
ihr noch mindestens 200 weitere Ausgaben – auch wenn dann die DAM
ihre große Schwester an Einfluss, Auflage und Qualität längst
überflügelt haben wird. Es bleibt ja in der Familie.

 

patrick.pngNotorischer
Spielverderber

Patrick
Lohner über das Leben in und mit der Abogruft

Zum Autor: Patrick Lohner
(23) ist auszubildender Koch und Mitglied der FAU München. Aboverwalter
der DA seit 2008 (12 Ausgaben Dienstzeit). Freizeitlos, verabscheut
klandestine Marotten und lange Texte.

Nein,
so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Eigentlich wollte ich vor
zwei Jahren nur den scheinbar urbajuwarischen Drang, sein eigenes
Süppchen zu kochen, durchbrechen und als erster aus meiner lokalen
Gruppe eine bundesweite Aufgabe in der FAU übernehmen. Eine kleine
Aufgabe sollte es sein, nebenher zu erledigen. Als dann der
Umzugswagen vorfuhr und mit einem Karton nach dem anderen meine
geliebten 30 Quadratmeter in die berüchtigte Abogruft verwandelt
wurden, war mir klar, dass da irgendetwas in meinem Vorhaben gewaltig
schief gelaufen war.

Spätestens
beim Starten der zur Aboverwaltung gehörigen Software wurde es aber
dramatisch. Was dort über den Bildschirm flimmerte, war nichts
geringeres als Microsoft’s Works 3.0., eine Zumutung, die ich
bereits auf meinem ersten Computer 1992 für Dreck befunden hatte. So
manches Grauen verfolgt einen eben relativ hartnäckig. Die Daten
wurden in unzähligen Nachtschichten manuell in eine brauchbare
Umgebung gehackt. Seitdem hat sich viel getan. Wir trotzen tapfer
sämtlichen Trends in der Landschaft der Print-Medien. So haben wir
konstant steigende Abozahlen, einen kostenlosen Zugang zum
Online-Archiv unserer Zeitung und seit Jahren greifen wir nicht noch
tiefer in die Taschen unserer LeserInnen, im Gegenteil: ab dieser
Ausgabe ist das Abo für unsere LeserInnen im Ausland sogar
günstiger!

Zusätzlich
habe ich die Rolle des notorischen Spielverderbers inne: Ich haue der
Redaktion auf die Finger, wenn sie zu teure Ideen hat, und kappe
säumigen BezieherInnen ihr Wiederverkaufsabo, frei nach der
Feststellung des Soziologen Max Weber: „Herrschaft ist im Alltag
primär: Verwaltung“. Dem kann auch ich mich in der täglichen
Praxis nicht restlos entziehen. Aber für solche Fälle haben wir ja
die gute alte Ämterrotation. Stellenprofil für die Nachfolgersuche:
„Geile, aber anstrengende Stelle an Perfektionistin abzugeben.“
Perfektionismus muss sein. Dieser Beitrag zumindest dürfte der wohl
einzige auf dieser Seite sein, der die Vorgabe der Redaktion von
2.000 Zeichen exakt erfüllt.

 

felix.pngSpätpubertäre
Phase

Felix
Zimmermann
über die DA-Produktion in Zeiten von Web
2.0

Zum Autor: Felix Zimmermann
(24) ist Student der Geschichte und Informatik. Mitglied der FAU Kiel.
Layouter für die DA seit 2008 (12 Ausgaben Dienstzeit). Besondere
Vorliebe für Katzen, nicht nur schwarze.

Eigentlich
layoute ich gar nicht gerne. Die letzten zwei Jahre haben es mir vor
Augen geführt. Wie jede mechanische Arbeit wird auch das DA-Layout
einem früher oder später langweilig. Zum Großteil ist es immer das
Gleiche. Jeder Artikel besteht aus einem Text plus wahlweise Bilder.
Diese müssen dann irgendwie zueinander angeordnet werden. Dabei
spielt es für den Layouter schon bald keine Rolle mehr, was in den
Texten eigentlich drin steht, zählt für ihn doch „berufsbedingt“
nur deren Form. Und so habe ich seitdem keine Ausgabe mehr bewusst
gelesen. Als ich 2008 das Mandat auf dem FAU-Kongress übernahm, war
das eigentlich nicht so geplant.

Neu im
Redaktionskollektiv, fiel mir auf, dass das größte Problem immer
die fiese Zeitplanung war. Die Spätschicht für das Layout war
praktisch schon einkalkuliert, denn damals war es üblich, in der
letzten Nacht die Korrekturen an der fertigen Druckdatei vorzunehmen.
Ächz. Das hat sich aber zum Glück mittlerweile geändert (jetzt
gibt es eine Phase für das Lektorat), wie vieles andere übrigens
auch. Denn die DA hat in den letzten Jahren wichtige Schritte auf dem
Weg zu einer erwachsenen Zeitung gemacht.

Endlich
hat sich die DA auch von der Print-Steinzeit emanzipiert und kann mit
einem ordentlichen und schönen Web-Archiv aufwarten. Auch halten
„neue“ Technologien wie z.B. Telefonkonferenzen innerhalb der
Redaktion langsam Einzug. Bei einer Zeitung mit derzeit 18 ständig
rotierenden Redaktionsmitgliedern, die über das ganze Land verstreut
sind, braucht es auch eine gute Organisationsstruktur, damit alles
funktioniert. Auf jeden Fall verlangt es von den Beteiligten immer
ein gutes Stück Arbeit, zweimonatlich die DA herzustellen:
obwohl die Zeitung seit langem in gleichem Rhythmus und Umfang
erscheint, scheint der zur Produktion nötige workload
immer weiter zuzunehmen. Die Umstellung auf einen kürzeren
Erscheinungszyklus wird sicher noch etwas auf sich warten lassen.
Denn so lange die FAU bezahlte Posten ablehnt, wird sie auch in
Zukunft in den eigenen Reihen ihrem Kampagnenmotto „Keine Arbeit
ohne Lohn!“ nicht entsprechen können.

 

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