„Kunst ist kein Pizza-Service“

„Der ist doch ein Staatsdichter!“ sagt Kai Pohl1 über X, der zu den „renommiertesten“ Lyrikern der BRD gehört, und zuvor hat Alexander Krohn darauf hingewiesen, dass das Abdrucken von soviel Lyrik in einer Zeitschrift sowieso den „Zwängen der Warenförmigkeit“ widerspräche. Beide haben 2006 die Literaturzeitschrift floppy myriapoda. Subkommando für die freie Assoziation2 gegründet, von der kürzlich das 20. Heft erschien. Diese Eingangszitate verweisen darauf, um was für eine Art von Literaturzeitschrift es sich hier handelt: ein Schmuddelkind, gemessen an Literaturbetrieb, Zeitgeist und herrschenden Verhältnissen, aber gegen die geht es ja.

floppy myriapodia Heft 20/21 (Umschlaggrafik Marc Aschenbrenner)

Vorab macht wohl der Hinweis Sinn, dass die floppy myriapoda aus einem Milieu intellektuell-poetischer Dissidenz heraus entstanden ist, das sich in der DDR der 80er Jahre gebildet hatte und dann nach 1989 seine Fortsetzungen fand: Ein sozialer Zusammenhang von Personen und Projekten um Kneipen wie die „Rumbalotte continua“, die Zeitschriften Gegner und DreckSack, die Verlage BasisDruck, Distillery (wo es auch Musik gibt) und Galrev, die „Staatsgalerie Prenzlauer Berg“, „Galerie auf Zeit“ und „Projektgalerie Walden“, und anderes mehr, natürlich auch jenseits von Berlin, etwa in Jena die Edition „Poesie schmeckt gut“. Leute, die in der DDR schon „dagegen“ waren und in der BRD dann erst recht – ein weltanschaulich uneinheitliches Gemenge aus bekennenden Anarchisten, „linken“ Marxisten, AnhängerInnen der seltsamen Philosophien von Franz Jung und Ernst Fuhrmann, anderen NonkonformistInnen, geselligen IndividualistInnen, unter den jüngeren auch solche, die damals in der Punkszene unterwegs waren, und noch mal anderen. Darin wurzelt die Sache, indem aus diesem Umfeld ein Teil der AutorInnen und Mit-RedakteurInnen kommen, Lesungen dort stattfinden usw. Pohl und Krohn (der nach den ersten 6 Heften aus der Redaktion ausgestiegen war, der Zeitschrift aber verbunden blieb) ist es aber wichtig, dass auch andere da schreiben, ältere „West“-Undogmatische, jüngere, denen diese ganze Ost-West-Geschichte eher egal ist oder Leute wie der griechische Lyriker Jazra Khaleed oder, wie im aktuellen Heft, mehrere ungarische AutorInnen.

Die floppy myriapoda bringt vor allem Texte heutiger AutorInnen, inhaltlich geht es um Texte, die eine „Unzufriedenheit mit den sozialen Verhältnissen im weitesten Sinne“ aufnehmen und verarbeiten, formal ist es vor allem Lyrik, aber auch kürzere Prosatexte und dazu etwas Kunst. Die Aufnahme zumeist kurzer Texte soll möglichst viele AutorInnen zu Wort und zueinander kommen lassen – insgesamt, so Pohl, seien es in den letzten 7 Jahren an die 300 gewesen. Im Lay-out wird versucht, Bezüge zwischen den einzelnen Texten und Bildern herzustellen, und zwar nicht im Sinne von Hierarchie oder Linearität, sondern zugunsten einer Art von Verwobenheit, wie ein Teppich vielleicht. Zudem: Ein Gedicht, so Pohl, sei „eine Art Brühwürfel“, den man selber auflösen müsse. Es erfordere eigene Gedankenleistungen, anders als bei der allgegenwärtigen medialen Berieselung, bei der es gar keine Leerstellen mehr gäbe – bei einem Gedicht seien gerade die Leerstellen das entscheidende. Die Kunst sei kein Pizza-Service, sagt dazu Krohn. Diese Auffassungen stehen in einer illustren Traditionslinie: Collage-/ Montage, Episches Theater, Cut-up-Literatur und anderes – und jede Menge Theorie rankt sich darum. In der Lesart von Umberto Eco z.B. heißt es: „Die Poetik des „offenen“ Kunstwerks strebt […] danach, im Interpreten „Akte bewusster Freiheit“ hervorzurufen, ihn zum aktiven Zentrum eines Netzwerkes von unausschöpflichen Beziehungen zu machen“ (1962). Dabei, so Pohl, zielt die Infragestellung – und Sprache sei sowieso der Modellfall von Infragestellung – eben nicht nur auf die symbolische Ebene, sondern auf die Realität, auf das richtige Leben.

Weiter ist es schwer, die literarische Seite der Sache zu umschreiben, auch meinen Pohl und Krohn, sowas müsse immer am konkreten Beispiel erläutert werden. Weshalb es doch sinnvoller erscheint, noch mal auf die zugrunde liegende Haltung zu verweisen. Pohl: „Leute, die Heile-Welt-Literatur herstellen, sind für uns keine ernstzunehmenden Schriftsteller“ und “Missverstehen“ ist eh Quatsch – so viele Leser eines Gedichtes es gibt, so viele Gedichte gibt es auch. Vielleicht versteht es mancher Leser auch „richtiger“ als der Autor – wir sind ja keine Dogmatiker“ (lacht).

Wer sich’s mal ansehen möchte: Eine floppy myriapoda-Lesung mit verschiedenen AutorInnen findet am 17. 1. 2013 im BAIZ in Berlin-Mitte statt.

Heiko Schmidt, Berlin

Anmerkungen

[1] Dieser Text basiert auf einem Ende 2012 mit Pohl und Krohn geführten Gespräch.

[2] Myriapoda: Tausendfüßler. Der Name geht zurück auf ein kleines Abfallkunstwerk, das Pohl aus irgendwelchen Federn aus alten Floppy Disks gebastelt hatte. „Assoziation“ meint hier sowohl gesellschaftliche wie gedankliche Assoziationen. Und dann spukte da noch der „Subkommandante Marcos“ in den Hirnen der Zeitschriften-Gründer herum…

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