Die Geburt des Syndikalismus…

Wer sich in Deutschland mit Geschichte und Theorien des Syndikalismus auseinandersetzt, konzentriert sich zumeist auf den deutschen „Klassiker“, Rudolf Rocker. Sucht man weiter, stößt man zumindest in der bürgerlichen Medien- und Wissenschaftswelt oft auf den Franzosen George Sorel.

Die Schriften Rudolf Rockers, so wichtig sie sind, präsentieren aber eher bereits eine späte Kombination aus Anarchismus und Syndikalismus, wie sie für den ursprünglichen Syndikalismus nicht typisch ist, selbst wenn er von Anfang an für AnarchistInnen attraktiv wirkte. Und George Sorel lobt den Syndikalismus in seinem vielbeachteten, aber auch vielkritisierten Werk „Über die Gewalt“ zwar hoch, hatte jedoch nie etwas mit der syndikalistischen Bewegung zu tun – er war einer derjenigen, die Émile Pouget „Kathetersyndikalisten“ nannte.

Wer war Émile Pouget?

Émile Pouget darf als einer der ersten Syndikalisten im engeren Wortsinne überhaupt gelten, und wer sich mit der Geschichte von Anarchismus und Syndikalismus auseinandersetzen möchte, kommt an ihm nicht vorbei. Das war allerdings in Deutschland bislang gar nicht so einfach: Man fand durch eine Internetrecherche bislang lediglich die Broschüre „Der Syndikalismus“ von 1919, und mit etwas mehr Mühe findet man auch den 1930 von Rudolf Rocker übersetzten Roman „Das letzte Gefecht“, der seitdem einer Neuauflage harrt. Erst 2007 hat Michael Halfbrodt mit der bei Syndikat A erschienenen Broschüre „Die Geburt der Sabotage“ Abhilfe geschaffen. Und nun legt er mit einer ausführlichen Aufsatzsammlung nach: „Die Revolution ist Alltagssache“ bietet einen Einblick in die Frühgeschichte des Syndikalismus, der bisher ohne Französischkenntnisse nicht zu haben war.

Émile Pouget, geboren 1860, war wie viele andere Anarchist. Ursprünglich Gewerkschafter, Mitglied einer sogar eher als liberal zu bezeichnenden Angestelltengewerkschaft, wandert er in den frühen 1880ern in die anarchistischen Zirkel ab – die klassische Zeit der „Propaganda der Tat“ ließ gewerkschaftliches und anarchistisches Milieu auseinanderdriften. Erst in den 1890er Jahren, bezeichnenderweise einhergehend mit einem zunehmenden Streikgeschehen und einer relativ hohen Erfolgsquote, finden diese Milieus im Syndikalismus tendenziell wieder zusammen. In dem Band lässt sich wunderbar beobachten, wie die CGT – keineswegs von Anfang an eine syndikalistische Gewerkschaft – sich im wahrsten Sinne des Wortes radikalisiert, also zu den Wurzeln einer Arbeiterorganisation zurückkehrt. Der Abschluss dieses Wandels ist in dem ersten und bedeutendsten Manifest des Syndikalismus von 1906 erreicht, der später so genannten „Charta von Amiens“, die in dem Band mit aufgenommen ist (S. 291f.). Eine der entscheidenden Personen hinter diesem Wandel und eben auch Mitverfasser der Charta ist eben Émile Pouget, seit 1901 stellvertretender Sekretär der CGT.Damit wird der Autor natürlich nicht zum Erfinder oder theoretischen Begründer der Bewegung, denn, darauf weist der Herausgeber Michael Halfbrodt einführend hin, „mehr als jede andere sozialistische Lehre ist der Syndikalismus eine kollektive Schöpfung“ (S.7). Wohl aber ist Émile Pouget durch seine publizistische und organisatorische Tätigkeit der Wegbereiter der Ideenwelt des Syndikalismus und wertvoller Verbreiter der Ideen von Boykott und Sabotage.

Gewerkschaftsgeschichte konkret

Die Auswahl Michael Halfbrodts trägt wesentlich dazu bei, die verschiedenen Aspekte im Schaffen Pougets zu verstehen: Den Kern des Buches bildet eine Broschürenreihe, in der die einzelnen Broschüren aufeinander aufbauen und die verschiedenen Aspekte syndikalistischer Organisierung beschreiben. Hinzu kommen aber auch Texte, die nicht in diesen Kontext gehören, wie ein zentraler Beitrag aus dem Père Peinard, jener von Pouget gegründeten anarchistischen Zeitschrift, in der der fiktive Père Peinard in der einfachen „Arbeitersprache“ seine Erfahrungen mitteilt.

Wie kaum anders zu erwarten, gipfelt Pougets Broschürenaufbau in der „direkten Aktion“ und, als Königsdisziplin derselben, im Generalstreik. Pouget entwickelt dafür ein spezifisches Verständnis von Arbeitermacht, die die Grundvoraussetzung von direkter Aktion sei: „Außerhalb des ökonomischen Terrains ist die direkte Aktion eine Leerformel“ (S.139).Pougets vielfach wiederholtes Credo, dass eine Gewerkschaft eine Interessens- und keine Gesinnungsorganisation sein sollte, distanziert und emanzipiert sich letztlich auch vom Anarchismus, wenn dieser als Gruppe mit einem politischen Interesse an die Gewerkschaft herantritt. Man sollte diesen Aspekt aber nicht überbewerten: Die Charta von Amiens und der berühmte Satz „Der Syndikalismus genügt sich selbst“ (Fernand Pelloutier) beziehen sich in erster Linie auf die versuchten Einflussnahmen der sozialistischen bzw. sozialdemokratischen Parteien.Pouget zu lesen ist ein sinniges Unterfangen, nicht nur, um die eigene Geschichte kennenzulernen, sondern auch, um dogmatische Gewissheiten zu hinterfragen. Und das gilt nicht nur für die global kleine Schule des Anarchosyndikalismus: Émile Pougets Texte sind ein wesentlicher Beitrag zur Gewerkschaftsgeschichte ganz allgemein. Das gilt auch und gerade für die kenntnisreiche Einführung des Herausgebers, die allein schon den Kauf dieses Buches rechtfertigen würde.

Torsten Bewernitz

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Émile Pouget. Die Revolution ist Alltagssache. Schriften zur Theorie und Praxis des revolutionären Syndikalismus.
Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Michael Halfbrodt
Verlag Edition AV, Lich
ISBN 978-3-86841-105-8
308 Seiten
18 Euro

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