Wie vor hundert Jahren

Beschäftigt man sich mit der Analyse der aktuellen kapitalistischen Gesellschaftssituation wird schnell deutlich, dass die klassischen Klassengegensätze zwar noch mit gleicher Härte zuschlagen wie noch vor hundert Jahren, gleichzeitig aber undurchsichtiger werden und in dem Bewusstsein der Menschen verschwinden. Genauso wie es den klassischen Arbeiter nur noch als Auslaufmodell gibt, gibt es auch den klassischen Boss nicht mehr. Konzerne gehören Aktiengesellschaften, die wieder anderen Aktiengesellschaften gehören. Geleitet werden diese Konzerne von ManagerInnen, die streng genommen auch Angestellte, also Lohnabhängige sind. Adorno hat unter anderem für diese Situation den Begriff der „klassenlosen Klassengesellschaft“ geprägt.

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Bei der Firma Neupack allerdings, die ihren Hauptsitz in Hamburg und einen Ableger in Rotenburg bei Bremen hat, sind die Verhältnisse noch so wie zu der Zeit als Karl Marx noch über seine „Kritik der politischen Ökonomie“ grübelte. Die Firma besteht seit 1995 und ist seitdem im Besitz der Familie Krüger. Und auch die Art und Weise wie Familie Krüger die Geschäftspraxis gestaltet, lässt darauf schließen, dass man bei Neupack von Konzepten der modernen Unternehmensführung, wie „flacher Hierarchie“ und „interdisziplinärer Struktur“, noch nichts gehört hat oder haben will. So sind regelmäßige Lohnerhöhungen für die einfachen Beschäftigten ein Fremdwort. Besonders problematisch ist, dass die KollegInnen scheinbar völlig willkürlich bezahlt werden. Die einzige Gemeinsamkeit der Löhne, die die KollegInnen für die gleiche Arbeit bekommen, ist, dass sie weit unter den gängigen Tarifverträgen liegen. Eine Ausnahme sind die Angestellten, die teilweise sogar über Tarif bezahlt werden.

Bei Neupack werden Kunststoffverpackungen produziert, die beispielsweise als Joghurtbecher genutzt werden. Die wichtigsten AbnehmerInnen sind die Deutsche Milchkontor GmbH, die die Marke MILRAM produziert und die Heideblume Molkerei.

Seit dem 1. November 2012 stehen nun ca. 70 % der etwa 200 KollegInnen an den beiden Standorten im Streik. Die Forderung ist simpel: „Wir wollen einen Tarifvertrag“. Hauptverantwortlich für das Entstehen des Arbeitskampfes war Murat Günes. Dieser rüttelte seine KollegInnen wach und schaffte sich Gehör bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), die dem Streik den offiziellen Rahmen gibt. Ob dies die beste Entscheidung war, muss allerdings abgewartet werden. Denn die IG BCE ist die wohl am meisten auf Sozialpartnerschaft ausgerichtete Gewerkschaft im DGB. So sagte ein IG BCE Funktionär auf dem Jour Fixe, dem Treffen der Gewerkschaftslinken in Hamburg, dass seine Gewerkschaft bei dem Konflikt Neuland betritt, da sie kaum Streikerfahrung haben. Daher fordert die IG BCE auch einen Haustarifvertrag, der auf nur 82 % des üblichen Tarifniveaus liegt, denn dies hat sie als „sozialverträglich“ für das Unternehmen errechnet.

Die Geschäftsleitung hat allerdings schnell gezeigt, was sie für „sozialverträglich“ hält: GewerkschaftsvertreterInnen wurden von Betriebsversammlungen ausgeschlossen, Sicherheitsleute patrouillieren mit Hunden auf dem Gelände, Gerichtsverfahren gegen Streikende und Gewerkschaft wurden eingereicht. Außerdem wurde eine polnische Leiharbeitsfirma beauftragt StreikbrecherInnen zu liefern. Die 29 StreikbrecherInnen halten zusammen mit den im Betrieb Verbliebenen einen Notbetrieb aufrecht. Darüber hinaus wurde mit Arne Höck (ehm. ROWA Group) ein erfahrener „Unionbuster“ ins Team geholt.

Derweil haben die Streikenden ein enormes Maß an Solidarität erfahren. Ihr Streikzelt ist durchgehend besetzt, Besuch ist immer gerne gesehen. Und immerhin ist es der längste Streik in der Geschichte Hamburgs.

Helga Wein

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