Editorial

In jedem Jahr, wenn die Lemminge auf den Klippen noch zögern, sich ins Meer zu stürzen, ruft ihnen einer ihrer Gewerkschaftssekretäre zu: „Wir haben nichts gegen das Meer!“ Und dann beginnt wieder ein kollektiver Selbstmord…

Mit diesem Zitat begannen 1986 die Herausgeber des Klassikers „Maschinenstürmer“ von David F. Noble das Vorwort zu ihrer Übersetzung. Gemeint waren die wiederkehrenden abwägenden Worte aus Gewerkschaftskreisen zu den neuen Industrialisierungsschüben, die mittlerweile als „Industrialisierung 1.0 bis 3.0“ benannt werden.

Mit der sogenannten „Industrialisierung 4.0“ beginnt dies wieder. In der gewerkschaftlichen Öffentlichkeit ist viel von Mitgestaltung die Rede. Ob wir gerade einen vierten Industrialisierungsschub erleben, sei mal dahingestellt, vielleicht handelt es sich auch nur um eine Euphorie, die die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise übertünchen soll. Angebliche Zahlen sind jedenfalls häufig nichts anderes als Kaffeesatzleserei. Dennoch: Die Statistiken sind teilweise alarmierend. Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom Massachusetts Institute of Technology haben durchgerechnet, dass die „Industrialisierung 4.0“ erstmals nicht nur Jobs in andere Bereiche verschiebt, sondern im großen Stil Arbeitsplätze vernichten könnte. Grund genug für die Direkte Aktion, sich in die laufenden Debatten einzumischen und nicht nur den aktuellen, sondern auch vergangene Technologisierungsschübe zu thematisieren.

Klingt pessimistisch – und wir bleiben erst mal pessimistisch. Auch das gegen alle Widerstände von der Basis bis hin zu Fachkreisen am 22. Mai erst mal durchgesetzte Tarifeinheitsgesetz steht einem revolutionären Enthusiasmus entgegen. Ein Blick in die internen Diskussionen der Syndikate der FAU weist darauf hin, dass sich ein durchaus berechtigter Pessimismus auch auf den Alltag gewerkschaftlicher Organisierung bezieht. Da kommt ein Text wie „Kuchen“ (S.6), den uns die IWW übersetzt hat, gerade recht: Protest und Widerstand entsteht manchmal unverhofft in Nischen, wo man sie nicht erwartet.

Werden wir also optimistisch: Subjektiv kann man das Gefühl haben, dass Protest und Widerstand auch in Deutschland mehr wird: Ob Blockupy oder die Aktionen gegen den G7-Gipfel in Elmau, vor allem aber die vielen Streiks, die wir in den letzten Monaten mitverfolgen konnten bei Amazon, der Bahn, der Post, in den KiTas – wenn selbst französische Tageszeitungen schon von einer „deutschen Streikwelle“ sprechen, dann geht vielleicht wieder etwas. Ob wir nun grabende Maulwürfe sind oder sich mühsam ernährende Eichhörnchen – wir machen weiter.

Davon zeugt übrigens auch der letzte Jahreskongress der FAU, der Ende Mai stattfand: Deutliche Mitgliedszuwächse, eine seltene Einigkeit in den Beschlüssen und immer mehr internationale Gäste zeugen davon, dass es durchaus vorangeht. Und auch die Mitarbeit an der euch vorliegenden Zeitung konnte gesichert werden, so dass ihr auch weiter die Direkte Aktion genießen könnt.

Und das lassen wir euch jetzt auch tun. In diesem Sinne,

eure Redaktion „Betrieb und Gesellschaft“, diesmal aus Mannheim.

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