Kolumne Durruti

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Bin ich blöd oder lebe ich schon?

Ich bin doch nicht blöd, dachte ich bis vor kurzem.Seit Neustem bin ich mir da nicht mehr so sicher.Auslöser ist ein Fauxpas, der mir vor kurzem auf der Weihnachtsfeier meines neuen Arbeitgebers passierte: Mit viel Mühe und ohne Kosten zu scheuen hatte der, neben einem Motivationstrainer, eine Percussiongruppe für das Event organisiert.Energetisiert durch den Motivator, der mit einem überdimensionalem Puzzle aus Holz gerade eindrucksvoll vorgeführt hatte, wie aus den vielen einzelnen Teilen (uns) ein großes Ganzes (die Firma) wird, griff ich im Anschluss beherzt zu den aufgeblasenen pinken Plastikschläuchen, die von der Percussiongruppe dargeboten wurden. Auf Ihnen prangte mit großen Lettern das Firmenlogo meines Arbeitgebers. Konzentriert versuchte ich zusammen mit meinen neuen Kolleginnen die Schrittfolgen, zu denen wir aufgefordert wurden, nachzumachen und dabei, wie auf der Bühne demonstriert, mit den 1-Meter-Plastikschläuchen hin und wieder im Takt zu klatschen. So weit, so gut. Auch das sporadische Luftausstoßen zwischen den Klatschern gelang mir noch einigermaßen. Das Ganze ergab in etwa folgenden Rhythmus: Klatsch – klatsch – uff, klatsch, klatsch, klatsch, uff – klatsch. Als dann aber, gewissermaßen als Steigerung, auch noch der Firmenname gerufen werden sollte, während man seine Plastikstöcke mit denen des frontal gegenüberstehenden Nachbarn aneinanderschlug, geschah es. Während alle anderen „Telekom“ riefen, rutschte mir ein „Deutsche Post“ heraus. Mein indischer Übungspartner riss entsetzt seine Augen auf und starrte mich an. In der Nachbarschaft flogen die Köpfe herum, blöderweise auch der meiner Personalchefin. Der hatte ich nur wenige Wochen zuvor im Einstellungsgespräch offenbar erfolgreich versichert, dass mir eine Identifikation mit dem Unternehmen Telekom sehr leicht fiele, da sich mit Einstellung sozusagen ein Lebenstraum erfülle. Nicht genug damit, dass ich nach diesem Einsatz das von mir mühsam aufgebaute Image des „Ich bin Telekom“ ruiniert hatte. Viel schlimmer wiegt die tiefe Identitätskrise, die mich seitdem übermannt.Ich frage mich ernsthaft, wie viele man sein kann, in nur einem Leben, und ab wann eher eine tiefgreifende multiple Persönlichkeitsspaltung zu diagnostizieren ist. Kann ich, nachdem ich schon Opel, Ferrero und die Deutsche Post war, nun auch noch die Telekom werden? Als beruhigend empfinde ich dabei den Umstand, dass es neben der Arbeit sowieso immer weniger Leben gibt. Was außer der Telekom sollte ich also künftig bei einer 50-Stunden-Woche schon sein? Andererseits stelle ich bei mir selber zunehmend einen Unwillen gegen derartige Totalvereinnahmungen fest. Vielleicht sollte ich mich doch erwerbslos melden und mich dann später früh verrenten zu lassen. Aber was bin ich dann? Die Arbeitslosenagentur oder gar die Deutsche Rentenkasse oder habe ich dann endlich mehr vom Leben als von der Arbeit?

Dörthe Stein, FAU Frankfurt

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